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Perry Rhodan & Stanislaw-Lem-Club: Fanszenen nach 1990

Unter freundlicher Genehmigung der Pabel-Moewig Verlag KG / Edel Verlagsgruppe aus Rastatt und des Hannibal Verlages aus Innsbruck in Österreich. Die bibliografischen Angaben stammen aus den offiziellen Perry-Rhodan-Silberbänden des Pabel-Moewig Verlags KG (bis Band 96) und der Edel Verlagsgruppe (ab Band 97).

Stephan Komp4. Mai 2026

Der vorliegende Bericht analysiert das Ausbleiben einer Wiedervereinigung der west- und mitteldeutschen Science-Fiction-Fanszenen nach 1990. Trotz des hohen Absatzes von Perry-Rhodan-Silberbänden in den neuen Bundesländern verhinderten unterschiedliche literarische Prägungen – insbesondere durch Stanislaw Lems Figur des Piloten Pirx –, differierende Clubstrukturen und verlegerische Fehlkalkulationen eine Verschmelzung der Leserschaften. Während im Westen ein oft hierarchisches und kultisches Vereinsleben dominierte, pflegten mitteldeutsche Leser eine eher kritische, sachbezogene Auseinandersetzung in Arbeitsgemeinschaften.

Untersuchung der getrennten Entwicklung bundesdeutscher und mitteldeutscher Zukunftsroman-Fanszenen nach 1990 am Beispiel von Perry Rhodan und dem Stanislaw-Lem-Club

von Stephan Komp

Das Jahr 1989 brachte mit der Öffnung der innerdeutschen Grenzen tiefgreifende Veränderungen für den gesamten Buchmarkt und die Leserkultur in Deutschland. Es entstand eine völlig neue Situation, in der mitteldeutsche Leser plötzlich uneingeschränkten Zugang zu den zuvor schwer erreichbaren westdeutschen Publikationen erhielten. Ein besonders auffälliges Phänomen jener Zeit war der massenhafte Abverkauf der sogenannten Silberbände der Zukunftsroman-Serie Perry Rhodan in den Buchhandlungen der neuen Bundesländer, wie sich insbesondere am Beispiel der Stadt Dresden belegen läßt.[1] Die Voraussetzungen für eine Zusammenführung der literarischen Szenen schienen überaus günstig zu sein. Auf der einen Seite stand das westdeutsche Perry-Rhodan-Fandom, das seit 1961 kontinuierlich gewachsen war und über sehr feste, weitreichende Vereinsstrukturen verfügte.[3] Auf der anderen Seite befand sich eine mitteldeutsche Leserschaft, die nicht übersättigt war und einen gesunden geistigen Appetit aufwies. Der mitteldeutsche Leser glich zur Wendezeit nicht dem westdeutschen Leser, der oftmals eine volle Kanne darstellte, in die nichts mehr reinpaßt. Im Gegensatz dazu war er ein geistiges Gefäß, das völlig aufnahmebereit war. Diese Leserschaft war in tief verwurzelten Lesegemeinschaften organisiert, deren bekanntestes Beispiel der Dresdener Stanislaw-Lem-Club ist.[4] Dennoch kam es nach 1990 nicht zu der von vielen Seiten erwarteten großen Wiedervereinigung der beiden Leserschaften. Es bildete sich in Mitteldeutschland keine starke, eigenständige Perry-Rhodan-Fanszene, die sich nahtlos in die westdeutschen Strukturen integrierte oder diese bereicherte.[3] Der herausgebende Verlag ging offenbar schlichtweg davon aus, daß die bloße Präsenz auf Veranstaltungen wie der Leipziger Buchmesse und die reine Verfügbarkeit der Bücher in den Regalen ausreichen würden, um die mitteldeutschen Leser dauerhaft in das westdeutsche Vereinsleben einzubinden.[6] Diese Annahme erwies sich als folgenschwerer Trugschluß. Der vorliegende Bericht geht der Frage nach, warum diese Vereinigung ausblieb. Es wird dabei vollständig auf politische oder ideologische Vergleiche verzichtet. Vielmehr werden die rein literarischen, strukturellen und verlegerischen Unterschiede beleuchtet. Im Mittelpunkt steht die Gegenüberstellung der literarischen Prägung durch Werke wie Stanislaw Lems Geschichten um den Piloten Pirx, die für die mitteldeutsche Szene maßgeblich waren, und den inhaltlichen sowie erzählerischen Strukturen der Perry-Rhodan-Serie. Zudem werden die sehr unterschiedlichen Entwicklungen der jeweiligen Clublandschaften, das Versäumnis einer gezielten Fanoffensive durch den Verlag und die unterschiedlichen Lesegewohnheiten der Anhänger im Detail untersucht und ausgewertet.

Das Verhalten des Verlages und die Marktsituation

Um das Ausbleiben einer starken mitteldeutschen Fanszene nach 1990 zu verstehen, muß zunächst das Verhalten des herausgebenden Verlages Pabel-Moewig (VPM) betrachtet werden. Der Verlag verfügte im Westen über eine gewaltige Reichweite. Die Perry-Rhodan-Serie erreichte über alle Formate hinweg – von der wöchentlichen Erstauflage über Taschenbücher bis hin zu den gebundenen Ausgaben – eine wöchentliche Gesamtauflage von etwa 700.000 Exemplaren.[3] Mit dieser Marktmacht im Rücken drängte der Verlag nach der Grenzöffnung auf den mitteldeutschen Buchmarkt. Es bot sich ein Bild, das auf den ersten Blick wie ein durchschlagender Erfolg wirkte. In den Dresdner Buchhandlungen wurden die Restauflagen der Perry-Rhodan-Silberbände massiv abverkauft. Die Silberbände waren gebundene Bücher, die jeweils fünf bis elf der ursprünglichen wöchentlichen Romanhefte in sprachlich überarbeiteter Form zusammenfaßten. Sie waren ursprünglich 1978 eingeführt worden, da die wöchentlichen Hefte schnell vergriffen waren und es keine dauerhafte Verfügbarkeit der alten Geschichten im Buchhandel gab. Diese Bücher waren durch ihr Aussehen unverwechselbar. Die Einbände bestanden aus einer silbernen Folie und wiesen ein dreidimensionales Bild auf, das unter Zuhilfenahme besonderer Drucktechniken gestaltet wurde und einen ungeheuren Wiedererkennungswert schuf.[1] Die Verfügbarkeit dieser Bände war nach 1990 in Mitteldeutschland geradezu flächendeckend. Für einen starken und interessierten Leser stand die Silberbuchreihe zu diesem Zeitpunkt etwa bei Band 34, der den Titel "Die Kristallagenten" trug und den sogenannten M87-Zyklus behandelte.[2] Das bedeutet, daß es zum Nachlesen und Nachholen der bisherigen Geschichte überhaupt kein Problem gab. Wer sich in das Universum einlesen wollte, fand mit Band 34 eine noch gut überschaubare Menge an Büchern vor. Es bedurfte keines mühsamen Zusammensuchens von tausenden kleinen Heften, die kompakten Silberbände boten einen bequemen und schnellen Zugang zu der Geschichte. Trotz dieser günstigen Ausgangslage und der massiven Verkäufe in den Buchhandlungen blieb eine echte, vom Verlag gesteuerte Fanoffensive in Mitteldeutschland vollkommen aus. Der Verlag war offensichtlich der Meinung, daß der Besuch der Leipziger Buchmesse völlig ausreiche, um die mitteldeutsche Leserschaft an sich zu binden. Die Leipziger Messe war bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten ein äußerst wichtiger Ort für den Austausch von Literatur gewesen.[5] Nach 1990 nutzte der Verlag diese Plattform, um Präsenz zu zeigen. Auf der Messe wurde in Halle 3 an großen Ständen, wie etwa dem Stand der Sammlerecke mit der Nummer J100 oder dem Verlagsstand C414, das umfangreiche Angebot präsentiert. Es wurden namhafte Personen aus der Produktion der Serie entsandt. So konnten die Messebesucher beispielsweise mit den Autoren Olaf Brill, Christian Montillon, Lucy Guth und Marie Erikson ins Gespräch kommen. Auch bekannte Illustratoren der Serie, wie der langjährige Zeichner Dirk Schulz, waren vor Ort, um Bücher und Bilder zu signieren.[6] Man nahm in den Verlagsbüros an, der mitteldeutsche Rest der aufnahmebereiten Leser komme nach diesen Messebesuchen schon von alleine in die bestehenden Strukturen. Man erwartete, daß sich die Käufer der in Dresden und anderen Städten erworbenen Silberbände automatisch in Fanclubs organisieren und sich dem westdeutschen Vereinsleben anschließen würden. Heute ist bekannt, daß genau das nicht der Fall war. Die Leser kauften zwar die Bücher, verschlangen den Lesestoff, traten aber den bestehenden westdeutschen Fanclubs nicht in nennenswerter Zahl bei, und es gründeten sich auch kaum neue, dauerhafte mitteldeutsche Zweigstellen. Es wurde versäumt, die spezifischen Lesegewohnheiten und die besondere kulturelle Prägung dieser Leser zu berücksichtigen.

Literarischer Vergleich: Pilot Pirx und Perry Rhodan

Um zu ergründen, warum die Käufer der Silberbände sich nicht in der westdeutschen Fanszene organisierten, muß das literarische Fundament zwingend betrachtet werden. Die Heldenbilder, die Erzählstrukturen und der Weltenbau der Werke, mit denen die mitteldeutschen Leser aufgewachsen waren, unterschieden sich vollkommen von dem, was die Serie Perry Rhodan bot. Die literarische Figur des Piloten Pirx, die von dem polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem erschaffen wurde, diente als maßgebliches Vorbild und namensgebende Inspiration für die mitteldeutsche Fanszene.[4] Die Geschichten um den Piloten Pirx bilden keinen fortlaufenden, endlosen Großroman mit epischen galaktischen Schlachten. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von einzelnen Geschichten, die über viele Jahre hinweg entstanden und von einer unauffälligen, neutralen Erzählweise geprägt sind. Ein zentrales Merkmal dieser Erzählungen ist das überaus gewöhnliche Bild des Menschen im kosmischen Zeitalter. Pilot Pirx ist kein strahlender, unfehlbarer Held. In den Geschichten testet der Autor Lem die Menschheit stets an der triumphierenden Technik. Die Erzählungen drehen sich zumeist um das Versagen von Maschinen oder um Roboter (in den Büchern oft Automaten genannt) mit hochentwickelter künstlicher Intelligenz, die merkwürdig menschliche Züge aufweisen. Es wird eine Welt gezeichnet, in der menschliche Schwäche und Unvollkommenheit nicht länger als Defekt oder Fehler aufgefaßt werden. In mehreren Geschichten agiert Pirx eher wie der Detektiv Sherlock Holmes, der seltsame Vorkommnisse und Rätsel untersuchen muß. Die Entwicklung der Figur ist ein stetiger, oft beschwerlicher Reifungsprozeß. In den frühen Geschichten ist Pirx ein schüchterner, teils von starken Komplexen geplagter Kadett. Er neigt stark zur Selbstunterschätzung und sieht sich neben seinen schillernden Mitstudenten als zurückgezogener, untalentierter Einzelgänger. Im Verlauf der Erzählungen wird er mit immer schwereren Prüfungen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit, seines praktischen Geschicks und seiner intellektuellen Fähigkeiten konfrontiert. Am Ende des Zyklus erscheint Pirx als ein von schweren Erfahrungen niedergedrückter, beinahe verbitterter Kommandant. Auffällig ist die tiefe Isolation der Figur. Pirx ist ein Einzelgänger, über dessen Herkunft, Familie oder Privatleben auf der Erde nichts bekannt ist. Er arbeitet in ständig wechselnden Rollen: einmal als Navigator, einmal als Testpilot, dann als Kommandant eines veralteten Raumschiffes oder auf einem einfachen Patrouillenflug. Er pflegt eigentümliche Gewohnheiten. So liest er beispielsweise während seines Dienstes im Weltraum schlechte oder unwahre utopische Bücher, während er sich die gute Literatur für die Zeit auf der Erde aufhebt. Der Erzählstil Lems ist bewußt neutral, wertfrei und unauffällig gehalten. Es gibt keine großen Explosionen, keine Heerscharen von Außerirdischen und es geht nicht um die Rettung der gesamten Menschheit. Stattdessen stehen unwahrscheinliche, aber nachvollziehbare Situationen im Mittelpunkt. In der Geschichte "Terminus" wird die Atmosphäre beispielsweise durch technische Details wie vibrierende Rohre und das Entschlüsseln von gemorsten Signalen erzeugt. In einer anderen Erzählung wird ein völlig untauglicher Ingenieur auf ein Raumschiff versetzt; dieser ist eigentlich ein Fachmann für Straßenbau, der versehentlich eingestellt wurde und nicht einmal den Unterschied zwischen Sternen und Planeten kennt. Aus solchen absurden, aber zutiefst menschlichen Fehlern bezieht die Literatur ihre Spannung. Um Moral oder die große Zukunft der Menschheit macht sich Pirx keine Gedanken.[7] Im denkbar stärksten Gegensatz dazu steht die Buchreihe Perry Rhodan. Diese Reihe, die seit dem Jahr 1961 ununterbrochen wöchentlich erscheint, bedient sich als einziges Zukunftsroman-Werk primär des Formats des Heftromans. Im Gegensatz zu in sich geschlossenen Heften anderer Gattungen ist Perry Rhodan als sogenannter Endlos-Roman angelegt. Die Handlung ist vollkommen offen und baut kontinuierlich aufeinander auf. Die Welt von Perry Rhodan ist als umfassende Gegenwelt entworfen, nicht lediglich als eine einfache Parallelwelt. Die Serie bietet ein sehr abgerundetes Weltbild, das die Funktionsweise des gesamten Universums, die globalen und galaktischen Machtstrukturen sowie die Verteilung von Ressourcen über Jahrtausende hinweg bis ins kleinste Detail erklärt. Die Erzählstruktur ist in sogenannten Zyklen organisiert, die jeweils zwischen 30 und 100 Hefte umfassen. Diese Zyklen tragen oft die Namen von fremden Völkern oder zentralen kosmischen Themen. Das Heldenbild in Perry Rhodan unterscheidet sich maßgeblich von dem des Piloten Pirx. Die Führung der Menschheit in der Serie, oft verankert im sogenannten Solaren Imperium, ist stark zentralisiert. Es werden häufig autoritäre und sehr fachliche Entscheidungen getroffen, die in permanenten Krisensituationen schnelle Lösungen erfordern. Anstelle des zweifelnden, fehlerhaften Einzelgängers treten hier entschlossene Führerfiguren auf, die das Schicksal von ganzen Sternenreichen lenken. Diese endlose, sich stetig anhäufende Handlungsstruktur führt zu einer enormen Komplexität der Serie. Die Leser stehen unter einem ständigen Zwang zur Vollständigkeit. Wer die aktuellen Geschehnisse verstehen will, muß zwangsläufig die Vorgeschichte aus hunderten oder tausenden vorherigen Bänden kennen. Diese Eigenschaft macht die Serie für ihre treuen Anhänger überaus faszinierend, da alles aufeinander aufbaut und die Geschichte stetig wächst. Es stellt aber gleichzeitig eine sehr hohe Hürde für jene Leser dar, die an abgeschlossene Geschichten gewöhnt sind.[3]

Die Entwicklung der Clublandschaften in Ost und West

Um das Ausbleiben einer Verschmelzung der beiden Leserschaften zu erklären, muß die Geschichte der mitteldeutschen Clubs näher betrachtet werden. Diese Lesegruppen wuchsen unter völlig anderen örtlichen Gegebenheiten auf als die Gruppen im Westen und entwickelten eine stark abweichende Kultur des Lesens und des Umgangs mit Literatur. Der Stanislaw-Lem-Club in Dresden gilt als der älteste und bekannteste Club für Zukunftsliteratur in Mitteldeutschland. Er wurde am 5. Juni 1969 von Studenten der Physik an der Technischen Universität Dresden gegründet. Zu den treibenden Kräften der Gründung zählte Ralf P. Krämer. Die Benennung nach dem polnischen Autor verdeutlichte bereits die sehr ernsthafte literarische Ausrichtung der Gruppe. Die Existenz des Clubs war von Beginn an schwierig und bedurfte ständiger Anpassung an die Umstände des begrenzten Buchangebotes. Um handlungsfähig zu bleiben, schloß sich die Gruppe dem offiziellen Kulturbund an. Innerhalb dieser Nische bauten die Mitglieder eine eigene Bibliothek auf und tauschten die seltenen Bücher untereinander. Da viele internationale Werke schwer zugänglich waren, griffen die Mitglieder zur Selbsthilfe und tippten die seltenen Bücher mühsam mit der Schreibmaschine ab, um Kopien für die Mitglieder zu erstellen. Sie organisierten Lesungen von Autoren, erstellten eigene Rundschreiben und führten Vorträge durch. Bis zum Jahr 1972 wuchs der Club auf beachtliche 120 Mitglieder an. In den Jahren 1972 und 1973 erlebte der Club einen schweren Rückschlag. Nachdem Bücher gefunden worden waren, die zu dieser Zeit als unerwünscht galten, mußten das Gründungsmitglied und weitere Studenten die Universität verlassen.[4] Die Gruppe erreichte nie wieder ihre alte Größe und löste sich 1977 zunächst vollständig auf. Erst in den frühen achtziger Jahren entstand an der Technischen Universität Dresden erneut ein Club für Zukunftsliteratur. Dieser agierte sehr vorsichtig als allgemeine Arbeitsgemeinschaft für Literatur. Die organisatorische Basis bildete der Studentenclub im Wohnheim in der Gagarinstraße 12.[13] Die Umgestaltung der Jahre 1989 und 1990 brachte das Ende dieser alten Struktur. Im Sommer 1990 entzog die Technische Universität Dresden dem Club ihre Unterstützung. Die Mitglieder standen vor dem Verlust ihres Treffpunktes, fanden sich jedoch bald um den Antiquar Michael Stöhr in der Förstereistraße zu neuen, regelmäßigen Treffen ein. Stöhr war es auch, der in dieser Zeit die Zusammenkünfte ins Leben rief, die als Förster-Cons bekannt wurden. Im Jahr 1992 kehrte der ursprüngliche Gründer Ralf P. Krämer zu diesem Kreis zurück. Um teure Vereinsgründungen zu vermeiden, regte Krämer an, den Club unter dem Dach der Organisation URANIA anzusiedeln. Die erste gemeinsame Aktion in dieser neuen Form fand auf einem Förster-Con am 26. November 1994 statt. Der Club trug in dieser Phase auch den Namen TERRAsse und veröffentlichte ein gleichnamiges Magazin. Nach dem Ende des städtischen Verbandes der URANIA im Jahr 2014 fand die Gruppe bei der Palitzsch-Gesellschaft eine neue Heimat.[13] Dieser historische Rückblick zeigt eine Leserschaft, die es gewohnt war, Literatur intensiv und kritisch zu besprechen, in kleinen Gruppen zusammenzuarbeiten und Bücher als überaus kostbares Gut zu behandeln.[4] Das gemeinsame Lesen war immer auch eine gemeinsame Beschaffung von Lesestoff. Im Westen Deutschlands hatte sich seit dem Start der Serie im Jahr 1961 eine vollkommen andere Struktur gebildet. Getragen durch einen niemals versiegenden Nachschub an wöchentlichen Heften, entstand eine große Bewegung, die stark an ausländische Traditionen angelehnt war.[3] Die westdeutsche Fanszene zeichnete sich durch eine hohe organisatorische Dichte aus. Es gab zahlreiche fest angemeldete Clubs, viele eigene Zeitschriften der Fans und regelmäßige große Zusammenkünfte. Ein äußerst markantes Merkmal war die Übernahme von Begriffen und Gebräuchen aus der Romanserie in das echte Vereinsleben. Vorsitzende von Clubs wurden oft als Administratoren bezeichnet, in direkter Anlehnung an den Rang der Hauptfigur Perry Rhodan. Von wissenschaftlichen Beobachtern wurde dieser Szene in der Vergangenheit oft ein latenter Größenwahn oder ein Hang zu regressivem Verhalten vorgeworfen.[3] Manche bezeichneten die Serie sogar als einen Ersatz für Religion, da sie ein geschlossenes Weltbild und eine scheinbar unendliche Geschichte bot, in die sich die Leser vollständig zurückziehen konnten. Für die Mitglieder dieser Clubs war Perry Rhodan weit mehr als nur ein Buch; es war ein umfassendes Lebensgefühl, das über viele Jahrzehnte hinweg die Freizeit und den Freundeskreis bestimmte.[3] Ein sehr wichtiger Aspekt der westdeutschen Szene, der das Verhalten der Clubs stark prägte, war die doppelte Stigmatisierung der Leser. Die Anhänger der Serie wurden von der allgemeinen literarischen Öffentlichkeit oft belächelt oder gar abgewertet. Zum einen wurden sie als einfache Leser von Groschenheften abgetan, zum anderen haftete ihnen der Ruf des weltfremden Zukunftsroman-Lesers an, der in gesellschaftlichen Debatten oft nicht ernst genommen wurde. Wissenschaftliche Erhebungen zeichneten jedoch ein völlig anderes Bild dieser Menschen. Die Leser von Perry Rhodan verfügten im Durchschnitt über die höchsten Bildungsabschlüsse aller Konsumenten von Heftromanen überhaupt. Dennoch führte der ständige Rechtfertigungsdruck von außen dazu, daß die Fanszene stark nach innen gerichtet war und sehr feste, fast geschlossene Gemeinschaften bildete, die Fremden gegenüber anfänglich verschlossen wirken konnten.[3]

Analyse der Trennungsgründe

Trotz der massiven Verkäufe der Silberbände in Dresden und der großen Präsenz auf der Leipziger Buchmesse kam es nicht zur Verschmelzung der Szenen. Die Gründe hierfür sind überaus vielschichtig. Sie lassen sich jedoch klar auf die beschriebenen literarischen Unterschiede sowie auf die sehr unterschiedliche Prägung der Leser durch die Buchmärkte der vergangenen Jahrzehnte zurückführen. Ein erstes großes Hindernis war der biographisch späte Einstieg der Leser in Mitteldeutschland. Wer im Westen Perry Rhodan las, hatte oft schon in der Kindheit oder Jugend damit begonnen. Die Bindung an die Helden und das Universum war über viele Jahre langsam gewachsen. Die mitteldeutschen Leser waren im Jahr 1990 jedoch zumeist schon erwachsen. Sie begannen mit der Lektüre der Silberbände, die für sie neu waren, mußten sich aber das tiefe emotionale Band, das westdeutsche Fans seit der Kindheit pflegten, erst mühsam erarbeiten. Untersuchungen der frühen Lesebiographien belegen zudem starke Unterschiede. Die Leser in Mitteldeutschland durchlebten zumeist eine sehr intensive Phase der Lektüre von Jules Verne. Im Westen hingegen dominierte bei den späteren Perry-Rhodan-Lesern zumeist Karl May die Jugendliteratur, da die Bücher von May im Osten lange Zeit schwer erhältlich waren.[3] Jules Verne stand für eine langsame, technisch sehr detaillierte und ruhig entdeckende Literatur. Dies deckte sich stark mit dem neutralen und genau beobachtenden Stil eines Stanislaw Lem, bereitete aber kaum auf die schnellen, handlungsgetriebenen und oft sehr lauten Abenteuer des Solaren Imperiums vor.[7] Ein weiterer entscheidender Hinderungsgrund war die schlichte Ablehnung des westdeutschen Clubverhaltens durch die Leser in Mitteldeutschland. Als diese Leser nun nach 1990 auf das westdeutsche Perry-Rhodan-Fandom trafen, wirkte dieses auf sie überaus befremdlich. Das hierarchische Vereinsleben und die völlige Hingabe an ein einziges Universum stießen auf Unverständnis. Die mitteldeutschen Leser weigerten sich strikt, die Buchserie als eine Art Religionsersatz oder als allumfassendes Angebot für ihr Leben anzunehmen. Sie wollten die Bücher gerne lesen, aber sie wollten nicht Teil eines solchen Kultes werden.[3] Zudem beurteilten die mitteldeutschen Leser die Bücher nach ganz anderen Maßstäben als ihre westlichen Nachbarn. Es zeigte sich ein markanter Unterschied in der Auffassung davon, was in der Literatur als wirklichkeitsnah empfunden wurde. In wissenschaftlichen Befragungen aus jener Zeit gaben mitteldeutsche Leser an, daß sie die Serie Perry Rhodan überraschenderweise als wirklichkeitsnäher empfanden als die Romane der sozialistischen Science-Fiction, die sie in den Jahrzehnten zuvor gelesen hatten. Als Begründung führten sie an, daß in der Serie Perry Rhodan harte Machtfragen, tiefe Konflikte zwischen unterschiedlichen Völkern und knallharte Interessenpolitik offen dargestellt wurden. Diese Darstellung entsprach eher ihrer eigenen Erfahrung davon, wie die Welt funktionierte, als die oft sehr feindfreien Welten der älteren, heimischen Buchreihen. Für westdeutsche Leser hingegen war diese ernste Suche nach Wirklichkeitsnähe in einem Unterhaltungsroman völlig fremd. Für sie stand die Flucht aus dem Alltag, die pure Spannung und das Erleben von Abenteuern eindeutig im Vordergrund.[3] Diese grundlegend unterschiedliche Herangehensweise an den Text verhinderte, daß man in den Vereinsheimen eine gemeinsam Sprache fand. Ein letzter, aber nicht unwesentlicher Punkt war die schiere Komplexität der Serie Perry Rhodan. Die ständige Notwendigkeit, alle Verstrickungen der Handlung zu kennen, und die Tatsache, daß die Serie als Endlos-Roman angelegt war, schreckten viele Leser ab, die an abgeschlossene literarische Werke gewöhnt waren. Es gab zwar Leser, die diese endlos fortlaufende Geschichte schätzten, doch führte die gewaltige Masse an Text oft dazu, daß das Lesen zu einer rein privaten, vereinzelten Beschäftigung wurde.[3] Anstatt sich in Clubs zu organisieren und mühsam den Anschluß an das über Jahrzehnte gewachsene Wissen der westdeutschen Fans zu suchen, konsumierten viele Leser die Bücher für sich allein.

Zusammenfassende Bewertung und Ausblick

Die Annahme, daß nach dem Fall der Mauer eine automatische Verschmelzung der mitteldeutschen und der westdeutschen Fanszenen für Zukunftsliteratur stattfinden würde, hat sich als historischer Irrtum erwiesen. Der massive Abverkauf der Perry-Rhodan-Silberbände in den Dresdner Buchhandlungen bot den Lesern zwar einen einfachen Einstieg, bewies aber vor allem den gesunden geistigen Appetit und das große Interesse an dem neuen Stoff.[1] Der herausgebende Verlag Pabel-Moewig verließ sich jedoch zu sehr auf die selbstverständliche Sogwirkung dieser Buchverkäufe und auf die bloße Anwesenheit auf der Leipziger Buchmesse.[6] Es fehlte das Bemühen um eine echte Fanoffensive, die Verständnis für die völlig anders gewachsene Leserkultur in Mitteldeutschland aufbrachte. Die mitteldeutschen Fanclubs, sehr deutlich sichtbar am historischen Beispiel des Stanislaw-Lem-Clubs, verstanden sich als Arbeitsgemeinschaften, die sich äußerst ernsthaft, kritisch und vielschichtig mit der beschafften Literatur auseinandersetzten.[4] Die Geschichten von Stanislaw Lems Pilot Pirx hatten diese Leser gelehrt, ruhige Töne und vor allem die stetige Unvollkommenheit des Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken.[7] Als diese tiefgründige Nischenkultur auf das stark organisierte, hierarchische und teils kultisch verehrte Universum von Perry Rhodan traf, prallten unvereinbare Welten aufeinander.[4] Die mitteldeutschen Leser lehnten die Erhebung einer Romanserie zu einem Religionsersatz entschieden ab. Hinzu kam die sehr unterschiedliche Bewertung der Romaninhalte sowie die schiere Überforderung durch die endlose Komplexität der Serie, die eher zum einsamen Lesen als zum gemeinsamen Vereinsleben anregte.[3] Somit blieben die Szenen dauerhaft getrennt.Neben den historischen Betrachtungen muß auch der heutige Stand der mitteldeutschen Szene für utopische Literatur erfaßt werden. Es zeigt sich, daß vielfältige lokale Netzwerke und Internetseiten existieren. Ein herausragendes Beispiel ist der Freundeskreis Science Fiction Leipzig e.V. (FKSFL), der regelmäßig den Elstercon ausrichtet.[9] Auf diesen Veranstaltungen im Haus des Buches in Leipzig wird phantastische Literatur gezielt mit wissenschaftlichen Diskursen verknüpft. Zudem wird von lebendigen Zusammenkünften in Thüringen, wie dem SF-Treff Jena, berichtet.[12] Auch in Sachsen-Anhalt pflegt der Andromeda SF Club aus Halle eigene Netzwerke.[10] Die historische Tradition des Dresdner Clubs wird unter anderem durch Publikationen wie das Fanzine TERRAsse oder durch die Palitzsch-Gesellschaft fortgeführt.[13] Diese Beispiele belegen, daß eine eigenständige, mitteldeutsche Vernetzung über lokale Treffen, Internetforen und eigene Zeitschriften durchaus fortbesteht. Sie hat sich jedoch oftmals völlig unabhängig von den festen westdeutschen Vereinsstrukturen weiterentwickelt. Zum Schluß muß die Frage aufgeworfen werden, ob durch neue literarische Entwicklungen eine tatsächliche Wiedervereinigung der Leserschaften von Ost und West, sowie von Jung und Alt, auf Augenhöhe erreicht werden kann. Ein entscheidender Ansatzpunkt hierfür ist die Serie Perry Rhodan NEO, die im Jahr 2011 als Neustart der klassischen Handlung ins Leben gerufen wurde.[8] In dieser Neuinterpretation, die im Jahr 2036 beginnt, entfällt die erdrückende Last einer jahrzehntelangen Vorgeschichte. Die Charaktere werden in einem neuen Licht gezeigt, sie wirken fehlbarer und die Erzählweise wurde modernisiert. Dieser literarische Ansatz birgt das immense Potential, als neue, gemeinsame Identifikationsfigur zu dienen. Er kommt der mitteldeutschen Lesegewohnheit, die einst stark durch zweifelnde und fehlerhafte Figuren wie Stanislaw Lems Piloten Pirx geprägt wurde, inhaltlich deutlich näher.[7] Um jedoch eine strategische Zukunftsplanung für eine vereinte Fanszene erfolgreich umzusetzen, fehlen noch entscheidende Impulse. Das bloße Erscheinen einer neuen Buchreihe reicht erfahrungsgemäß nicht aus. Es muß zwingend eine Ausweitung der digitalen Kommunikation erfolgen: Es bedarf neuer Internetseiten und Blogs, die gezielt Themen aus west- und ostdeutscher Sicht gemeinsam und verbindend behandeln.[10] Zudem muß eine sehr viel stärkere Einmischung in den sozialen Netzwerken stattfinden, um den Austausch zu fördern und jüngere Generationen gezielt abzuholen. Des Weiteren müssen physische Begegnungsstätten jenseits der großen Leipziger Buchmesse stärker forciert werden. Es gilt, regelmäßige Lesungen und Veranstaltungen in den ländlichen Raum und in andere Städte Mitteldeutschlands zu tragen. Ein weiterer überaus vielversprechender Ansatzpunkt sind Antik- und Trödelmärkte. Als Paradebeispiel hierfür kann der große Riesentrödelmarkt auf der Galopprennbahn in Dresden-Seidnitz dienen.[11] Solche offenen Orte bieten einen idealen, niedrigschwelligen Zugang zur Literatur. Wenn dort Sammlerbörsen für Silberbände und alte utopische Zeitschriften etabliert werden, entsteht ein völlig ungezwungener Raum für den direkten Austausch. Nur durch eine derartige Kombination aus einer modernisierten Identifikationsfigur wie der NEO-Reihe, einer starken digitalen Präsenz in neuen Medien und gezielten, gemeinsamen Erlebnissen auf regionalen Märkten und Lesungen kann eine endgültige und erfolgreiche Wiedervereinigung von Ost und West, Jung und Alt gelingen.

Quellverzeichnis

[1] Verlagsunion Pabel-Moewig: ''Perry Rhodan Silberbände''. URL: www.perrypedia.de/wiki/Perry_Rhodan-Silberbände

[2] K. H. Scheer, William Voltz, H. G. Ewers, Kurt Mahr: ''Perry Rhodan 34: Die Kristallagenten (Silberband)''. Pabel-Moewig. URL: perry-rhodan.net/aktuelles/news/legendäre-zyklen-–-perry-rhodan-silberbände-im-angebot-0

[3] Cordula Günther: ''Perry-Rhodan-Leser in Ost und West. Eine vergleichende Rezeptionsstudie.'' HALMA 12, Universität Halle. URL: download.philfak2.uni-halle.de/download/medienkomm/halma/halma12.pdf

[4] Wolfgang Both, Hans-Peter Neumann, Klaus Scheffler: ''Berichte aus der Parallelwelt. Die Geschichte des Science Fiction-Fandoms in der DDR.'' Erster Deutscher Fantasy Club e.V., Passau 1998. URL: shayol.cms.corneredchicken.com/cms/upload/bildergalerie/Neumann-SF_in_der_DDR-Sp_2_lp.pdf

[5] Patricia F. Blume: ''Die Geschichte der Leipziger Buchmesse in der DDR.'' Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. URL: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/veranstaltungen/die-geschichte-der-leipziger-buchmesse-der-ddr

[6] Pabel-Moewig Verlag KG: ''PERRY RHODAN auf der Leipziger Buchmesse.'' URL: perry-rhodan.net/aktuelles/news/perry-rhodan-auf-der-buchmesse-leipzig

[7] Stanisław Lem: ''Pilot Pirx. Erzählungen.'' URL: german.lem.pl/werke/belletristik/pilot-pirx

[8] Wikipedia: ''Perry Rhodan Neo''. URL: de.wikipedia.org/wiki/Perry_Rhodan_Neo

[9] Freundeskreis Science Fiction Leipzig e.V. (FKSFL). URL: www.fksfl.de/

[10] Andromeda SF Club Halle. URL: scifinet.org/scifinetboard/index.php/blog/64/entry-12413-leipzig-unter-den-schatten/

[11] MeiDresden: ''Riesentrödelmarkt startet in die Freiluftsaison auf der Galopprennbahn Dresden.'' URL: www.meidresden.de/?view=article&id=21691:riesentroedelmarkt-startet-in-die-freiluftsaison-auf-der-galopprennbahn-dresden-diesen-sonntag&catid=15

[12] SF-Treff in Jena. URL: tes-erfurt.jimdofree.com/sf-treff-in-jena/

[13] Palitzsch-Gesellschaft e. V., Dresden: ''Geschichte des Science-Fiction-Klubs.'' URL: www.palitzschgesellschaft.de/category/science-fiction/

Bildnachweis: Eigene

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